Nutzerdaten werden weitergegeben
Es ist ja so: Man vertraut einem KI-Chatbot inzwischen Dinge an, die man keinem Menschen erzählen würde. Die KI soll schließlich nicht urteilen, sondern helfen. Ob Liebeskummer, Potenzprobleme, Gehaltsverhandlung, Krankheitssymptome oder die Frage, ob man sich die eigene Immobilie leisten kann: Der Chatbot hat für alles ein offenes Ohr. Dumm nur, wenn fremde Ohren mithören.
Eine neue Studie des IMDEA Networks Institute legt nahe, dass bei KI-Diensten wie ChatGPT, Claude, Gemini und Co. längst nicht nur die künstliche Intelligenz mitliest. Auch Werbetracker und andere Drittanbieter können an Userdaten gelangen. Untersucht wurden neun bekannte KI-Angebote und insgesamt 44 verschiedene Tracking- und Werbedienstleister gefunden. Bei fünf der neun untersuchten Anbieter wurden beim Zugriff über den Browser sogar dauerhafte Links zu Chatverläufen an Dritte weitergegeben. Sind diese Links nicht ausreichend geschützt, können Außenstehende die Unterhaltungen abrufen. Die Forscher platzierten digitale Alarmfallen in ihren Test-Chats. Bei mehreren Diensten schlugen diese an, als Dritte auf die Unterhaltungen zugriffen. Bei Grok ertönte der Alarm sogar mehrfach nachträglich, was nahelegt, dass später noch auf den Chat zugegriffen wurde.
Oft werden Chats auch zusammengefasst. Ein Drittanbieter erfährt dann z.B., dass sich jemand für Krankheitssymptome im Frühstadium interessiert oder bei einem bestimmten Gehalt die Finanzierung einer Immobilie kalkuliert. Daraus lässt sich trefflich Kapital schlagen: Wer gesundheitliche Sorgen hat, bekommt passende Werbung; wer eine Hypothek plant, vielleicht gleich das passende Finanzprodukt dazu. Der Algorithmus nennt das Zielgruppenansprache. Der Betroffene sieht darin vermutlich eher einen massiven Vertrauensbruch.
Besonders beruhigend ist die Sache auch deshalb nicht, weil E-Mail-Adressen und dauerhafte Kennungen mitwandern können. Der Inkognito-Modus hilft dagegen offenbar wenig. Und wer glaubt, mit einem kostenpflichtigen Abo automatisch auch Diskretion zu erkaufen, irrt womöglich ebenfalls: Laut Studie wurden zahlende und kostenlose Kunden von weitgehend denselben Drittanbietern erfasst.
Behandeln Sie den Chatbot also nicht wie einen Beichtvater mit Schweigepflicht, sondern wie eine Partybekanntschaft mit Spezialwissen. Nett, praktisch und vielleicht ein bisschen zu gut vernetzt. Verraten Sie nie Passwörter, unnötige persönlichen Details oder vertrauliche Informationen. Prüfen Sie Datenschutzeinstellungen und Cookie-Auswahlmöglichkeiten – auch wenn diese keinen vollständigen Schutz garantieren.
Denn KI mag vieles vergessen oder halluzinieren. Die Werbewirtschaft dagegen hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis. Und manchmal hört sie mit, obwohl man dachte, man sei ganz allein.
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“So viele Buchstaben und sooo viel mehr, was damit ausgedrückt werden kann.“